Fotografie 02 • Bildauswahl

Das Fotografieren als solches – mit der Kamera unterwegs sein und Bilder machen – nimmt im Leben eines Fotografen nur einen kleinen Raum ein. Die Arbeit, die vorab getan werden muss um funktionierende Bilder zu bekommen aber auch vor allem was danach noch an Arbeit auf den Fotografen wartet, dauert meist länger als das eigentliche Fotografieren.

Die Motiv- und Bildauswahl ist mindestens genauso wichtig wie das Fotografieren. Denn gute, überzeugende Fotos können ganz schnell ihre Kraft verlieren, wenn sie nicht passend ausgewählt und ins Layout platziert werden.

Wie sieht nun so ein Ablauf konkret aus. Ein Auftrag gliedert sich in drei Abschnitte:

Briefing – Fotografieren – Bildauswahl

  • Briefing – hier geht es um das Thema und welche Motive gebraucht werden um es bebildern zu können. So informiere ich mich vorab über den Bauernhof, die Firma, die Menschen, die dort arbeiten und stelle für mich die Motive zusammen, die ich dann fotografieren möchte. Von Vorteil dabei ist es, dass ich auf einen Bauernhof groß geworden bin und Gärtner gelernt habe. Vieles ist mir bekannt und ich weiß oder kann mir vorstellen, was auf mich zu kommt.

Bei landwirtschaftlichen Themen ist es wichtig zu wissen: es kommt häufig anders als man denkt. Spontanität und Improvisation sind Grundvoraussetzungen sowohl in der Landwirtschaft als auch beim Fotografieren.

  • Fotografieren – Die Technik muss man blind beherrschen, das ist klar. Hinzukommt, dass jeder Fotograf im Laufe der Zeit seine Ausrüstung und die Art zu fotografieren an das Metier anpasst welches er vor allem bearbeitet. So auch ich. Ich arbeite immer mit zwei Kameras um spontan von Weitwinkel auf Tele wechseln zu können. Bislang verwendete ich einen Schultergurt an dem ich links und rechts je eine Kamera hängen hatte. Als ich einmal auf einer Weide kniend eine Herde Ziegen fotografieren wollte griff ich ohne hinzusehen nach der zweiten Kamera. Sie fühlte sich weich und warm an. Auf der Weide standen auch noch Pferde und Kühe.
Ziegen

Archehof, Gut Falkenhain, Boitzenburger Land, Brandenburg, Deutschland, DEU, Foto: Eberhard J. Schorr

Es macht schon einiges an Arbeit eine Kamera von einem warmen Kuhfladen zu befreien und dies wollte ich mir zukünftig sparen. Jetzt nutze einen Hüftgürtel für die zweite Kamera, damit diese nicht mehr in Berührung kommen kann mit den Stoffwechselendprodukten von Nutztieren.

  • Bildauswahl – Und nun kommt die eigentliche Hauptarbeit, was den Zeitaufwand angeht. Als Beispiel nehme ich die Fotos, die ich auf dem Hof von SpeiseGut, einem Solawi-Hof gemacht habe.
    • Der erste Schritt ist es, alle Bilder auszusortieren, die technische Mängel haben, also unscharf oder verwackelt sind oder wo man vor lauter Fell den Galloway Bullen gar nicht mehr sieht weil wir zu nahe dran waren. Dann wird es schon schwierig. Hier müssen wir unsere Motivliste herausholen und diese mit den gemachten Bildern abgleichen.

Bilder vom Hof SpeiseGut

Wie sieht dieser Ablauf nun konkret aus? Für die Redaktion des Magazins »AufsLand!« vom Berliner Verlag sollte ich Fotos liefern zum Thema Solawi. Solawi bedeutet solidarische Landwirtschaft und ist ein Konzept bei dem die Verbraucher von Bio-Lebensmitteln selbst am Hof mitarbeiten.

Wer mehr erfahren möchte, kann den Artikel auf Wikipedia lesen.

Als Beispiel für Berlin wurde der Bauernhof SpeiseGut von Christian Heymann ausgewählt. Ich besuchte Christian Heymann auf einem der Felder an einem Samstag im September an dem auch Helfer kamen und im Oktober nochmals als die Kartoffelernte stattfand. Es entstanden rund 600 Fotos. Wie oben beschrieben sortierte ich alle aus, die einen technischen Mangel hatten; es blieben noch 427 Bilder übrig.

Nach einer ersten Auswahl sind noch 427 Bilder übrig • Kartoffelernte • Thema: Solidarische Landwirtschaft • Bio Bauernhof: SpeiseGut, Spandau

Als Fotograf kann man der Redaktion keine 427 Bilder schicken; man muss eine Vorauswahl treffen. Dazu gehe ich nach folgenden Punkten vor:

  • Wird im Text auf dieses Motiv eingegangen?
  • Kann es zur Veranschaulichung dienen?
  • Kann als Ergänzung verwendet werden?

Bei unserem Beispiel wären dies alle Porträts, denn die Journalisten Stéphanie Grix hat einige der Helfer interviewt und diese sollen als wörtliche Zitate erscheinen. Wer genau hinsieht, wird merken, dass ich bei den Porträts die Personen mal links, mal rechts gesetzt habe mit viel Umgebung und auch mal formatfüllend. So hat der Layouter die Möglichkeit Text ins Bild setzen zu können, das Foto links oder rechts auf der Seite positionieren zu können oder es eng anzuschneiden.

Dann sind natürlich Totale wichtig, die dem Betrachter einen Überblick vermitteln. Dabei ist besonders auf die Linienführung zu achten und den Goldenen-Schnitt als Gestaltungsmittel zu verwenden. Auch hier ist der Layouter froh, Bilder zu bekommen, die offene, ruhige Bereiche haben in der er Text setzen kann.

Bio Bauernhof

127 Bilder habe ich an die Redaktion geschickt • Thema: Solidarische Landwirtschaft • Bio Bauernhof SpeiseGut, Spandau

Für die Geschichte selbst aber auch damit der Layouter Varianten zur Hand hat, habe ich Details fotografiert: Sonnenblumen, Gemüsepflanzen auf dem Feld, reifes Gemüse auf einem Holztisch, Arbeitsgeräte, Kartoffelkisten.

solidarische Landwirtschaft

Bildauswahl und Layout der Redaktion • Thema: Solidarische Landwirtschaft • Bio Bauernhof: SpeiseGut, Spandau

Im finalen Layout findet sich keines dieser letztgenannten Motive. Der Schwerpunkt des Artikels liegt auf den Menschen und Ihrer Arbeit auf dem Feld, was bereits im Titel deutlich wird. »Gemeinsam ackern«.

Nichtsdestotrotz, braucht es diese Motive. Als Fotograf muss ich mich in die Lage der Redaktion und der Grafikerin hineinversetzen, die mit meinen Fotos den Artikel bebildern müssen. Eine logische aber auch vielfältige Auswahl an Bildern erleichtert deren Arbeit. Und hier kann ich damit Punkten, dass ich visuelle Kommunikation studiert und als Grafiker in Werbeagenturen gearbeitet habe; ich kenne die Situation gut als Gestalter jetzt nicht das Foto zu haben, das man eigentlich bräuchte um das Layout rund zu bekommen.

Bio Bauernhof

21 Bilder blieben von den ursprünglichen rund 600 Fotos übrig. Diese werden von mir einzeln nachbearbeitet. Zum Thema Bildbearbeitung habe ich eine eigene Reihe im Blog verfasst.

Funktionierende Werbung, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing sind kein Hexenwerk, aber ein gewisses Know-how gehört dazu.

Eberhard J. Schorr • Der Landfotograf • Januar 2018